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Caroline Winkelmann

Warum das Leben uns hinführt, wo es uns hinführt - und warum Akzeptanz dabei ein guter Weg ist

winkelmanncaroline
vor 10 Minuten
5 Min. Lesezeit

Meine letzten Stunden in Österreich brechen an und während ich noch sinniere, wie ich mein Glück über diese Tage bewahren kann, fällt mir auf, dass mir das Leben manchmal vorkommt wie eine dieser Gebetsketten. Du berührst eine Perle und dann die nächste und eine nach der anderen kommt dran, ob sie will oder nicht und irgendwie spielt sich so auch unser Leben ab. Natürlich haben wir in einigen Momenten die Wahl, aber manches scheint einem inneren Kompass zu folgen, den wir erst rückwirkend begreifen, aber dann umso mehr wertschätzen können.


Zum Beispiel Österreich, Bad Gastein, der Ort, in dem ich mich gerade befinde. Irgendwann sass ich beim Frühstück und stellte fest, dass er nur 20 Minuten von dem Ort entfernt liegt, an dem ich meinen Mann 1984 kennengelernt hatte. Als ich hierherfuhr, tat ich dies auch, um einmal in Ruhe diese 5 Jahre nach seinem Tod begreifen zu können, und ehe ich mich versah, war ich da, wo alles begann.


Zurück ins Jahr 1984. Meine Schwester und ich fuhren in den Sommerferien in ein Jugendgästehaus zum Reiten und Tennisspielen. In diesen Jahren war das so ziemlich das Beste, was man mit seinen Ferien machen konnte und gleich zu Beginn traf ich auf ihn: meinen späteren Mann. Er trug ein T-Shirt mit einem Regenbogen drauf und war der hübscheste Junge, den ich bis dahin gesehen hatte. Ich war 11 Jahre alt und sehr verliebt.

Wir schrieben uns ein Jahr und sahen uns im Folgejahr wieder. Er sah noch besser aus. Ich dagegen trug eine feste Spange, war etwa 20 cm gewachsen und so schüchtern wie man nur sein konnte und damit war die Geschichte erledigt. Dachte ich.

Alles, was ich retten konnte, war ein Polaroid, auf dem er in seinem Regenbogen-T-Shirt auf einem der Stockbetten in unserem Zimmer saß und grinste.

Das Polaroid sollte in den kommenden Jahren immer wieder auftauchen. Ich wurde erwachsen, verliebte mich, entliebte mich und ab und an betrachtete ich das Foto, von dem ich mich seltsamerweise nicht trennen wollte.


Eines Tages im Jahr 2003, also beinahe 20 Jahre nach jenem Sommer in Österreich, saß ich bei der Arbeit und ER kam mir wieder in den Sinn. Inzwischen gab es so etwas Wunderbares wie Google und ich gab seinen Namen ein, nur um wenig später festzustellen, dass er um die Ecke von mir in Hamburg eine kleine Firma mit seinem Bruder hatte. Ich schreib eine kurze E-Mail und vergaß das Ganze wieder.


Als nur wenig später eine Antwort in meinemnPostfach war, lachte ich und dachte mir wiederum nichts dabei. Im Frühling des Folgejahres lebten wir bereits zusammen und drei Jahre später waren wir verheiratet. Zufall? Absicht? Das Polaroid? Schwer zu sagen, auf jeden Fall die beste Entwicklung meines Lebens.


Kommen wir auf die Gebetskette zurück, denn die Koinzidenzen häuften sich: Als wir auf die Suche nach einer Hochzeitslocation gingen, stand erst Bayern im Raum, doch die wollten uns nicht. Mein Mann war schon einmal verheiratet gewesen, ergo ein Sünder in den Augen der katholischen Kirche. Hamburg fanden wir langweilig und schließlich kamen wir nach Südfrankreich, wo B.s Eltern ein Haus besaßen. Auch da gefiel uns nichts, zu teuer, zu groß, zu klein, wir wussten nicht, was wir suchten, aber wir suchten. Bis ich eines Tages in einer deutschen Sonntagszeitung einen Artikel über eine Hochzeit in einem Schloss las, von dem wir noch nie etwas gehört hatten. Keine zehn Minuten von meinen künftigen Schwiegereltern entfernt. Wir fuhren hin und es traf uns der „coup de foudre“. Wir fanden einen Termin und heirateten dort im folgenden Jahr.


Und so kommen wir zur nächsten Perle auf der Kette. Unsere Hochzeitsreise führte uns nach Sardinien, unter anderem in das legendäre Hotel Cala di Volpe. Mein kunstbegeisterter Mann wunderte sich: Warum erinnerte ihn so vieles in diesem Hotel an seine Hochzeit? Die Antwort war schnell recherchiert. Der französische Architekt Jacques Couelle hatte sowohl das Schloss in Südfrankreich gebaut, als auch das Hotel in Sardinien. Wir hatten seinen Namen nie zuvor gehört und auf einmal waren wir innerhalb weniger Tage zweimal an Orten, die von ihm geschaffen worden waren. Unglaublich.


Wir reisten zurück, sprachen immer mal wieder darüber, bekamen zwei Kinder, das Leben ging weiter, wir zeigten den Mädchen das Schloss, wo wir geheiratet hatten und wie es sich für kleine Kinder gehörte, waren sie mässig beeindruckt, da ein Pool zu diesen Zeiten einen grösseren Stellenwert hatte als ein unbedeutendes Schloss irgendwo in Frankreich. Eines Tages - mein Mann saß an seiner Bucket List für den 50. Geburtstag, ging ich mal wieder auf Google. Bis heute weiß ich nicht, warum ich „Jacques Couelle“ und „Haus“ eingab, aber vor uns zeigte sich ein Haus in derselben Domaine, in der wir geheiratet hatten und das eindeutig vom Künstler gebaut wurde.


Alles war rund, die Wände niedrig, Leben in einer Art Höhle. Eventuell vergleichbar mit Schlumpfhausen. Mein Traum von einer weinumrankten Bastide sah anders aus, aber ich ließ es dabei, während mein Mann seinen Enthusiasmus kaum bremsen konnte. Wir kauften das Haus, wenige Monate bevor Covid ausbrach. Und wieder veränderte sich die Welt in einem Maße, das nicht planbar gewesen war.


Wir fanden keine Möbel. Wir fanden keine Handwerker und weil mein Mann nie aufgab, schaffte er es am Ende, das Haus so zu renovieren, wie es ihm perfekt schien. Er hatte zwei Sommer dort, dann starb er.


In der ersten Zeit nach seinem Tod wurde das Haus zu meinem Fluchtort. Ich musste ab und an raus, wenn nichts mehr ging, ich einmal atmen musste, mich frei fühlen, von Schock, Trauer, Schwere, der Verantwortung für die Kinder, dem totalen Kontrollverlust.


Wie ein Schauspieler konnte ich dort in eine andere Rolle schlüpfen. Ich sprach mit den Menschen im Dorf, lachte mehr als in Hamburg, trank meinen Wein auf dem Platz, niemand wusste, was mir passiert war, niemand guckte mich traurig an. Ganze Tage blieb ich im Pyjama, durfte trauern, ohne die Kinder damit zu belasten, kehrte dann wieder nach Hamburg zurück, voll neuer Energie, um wenige Wochen später wieder dort zu sein.


Über die Zeit wurde das Leben in diesem Haus immer wichtiger für mich. Es war, als ob das Haus mit mir wachsen und mich gleichzeitig heilen würde. Ich fing an, durch die Räume zu gehen, die Wände zu streicheln, die Böden zu spüren, alles in diesem Haus war einzigartig, und ich fühlte eine untrennbare Verbundenheit mit meinem Mann, der dies gespürt haben musste und dem ich dafür so dankbar war.


Sieben Jahre sind inzwischen vergangen und die Kette ist sicher noch lange nicht an ihrem Ende. Blicke ich ins Jahr 1984, freue ich mich unendlich, diesen kleinen Jungen kennengelernt zu haben. Blicke ich ins Jahr unserer Hochzeit und zu Jacques Couelle, dann hat dieser Architekt, der uns einfach so vor die Füße fiel, mein Leben trotz dieses immensen Schicksalsschlags auf das Positivste verändert. Das Haus war nicht nur ein Trauerort, sondern wurde für mich auch zum Ventil für meine Liebe zu Kunst, Architektur, Schönheit und Natur. Es transformierte mich und sicherlich auch meine Kinder.


Hier und heute weiß ich nicht, wohin mich das Leben noch führen wird. Aber ich habe grosses Vertrauen, dass alles weiterhin seinen Weg gehen wird, solange ich akzeptiere, dass es ist, wie es ist. Das habe ich nach dem Tod meines Mannes getan und das tue ich auch heute, egal, ob mir gerade alles um die Ohren fliegt oder - was immer häufiger vorkommt - pure Harmonie herrscht.


Und daher zum Schluss die weisen Worte des Philosophen Søren Kierkegaar: "Das Leben kann, nur rückwärts betrachtet, verstanden werden, aber es muss vorwärts gelebt werden.



 
 
 

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